Lawrence Brownlee: Vom Arbeiterkind zum Star-Sänger

Felicie Notter

In den USA ist Lawrence Brownlee derzeit der meistgebuchte Tenor. Trotz des Erfolgs ist der Star des Belcanto auf dem Boden geblieben. Das erklärt er selbst mit seiner Herkunft. Brownlee stammt aus einer Arbeiterfamilie, die ihm schon früh beibrachte: Gefühl ist, was beim Singen zählt.

Lockeren Schritts kommt er daher, Anzug mit Pochette, Turnschuhe. «Guten Tag! Wie geht’s?», sagt er und plaudert vor dem Interview in Baden-Baden problemlos auf Deutsch, mit charmantem amerikanischem Akzent. Das war vor zwei Monaten als Brownlee im grössten Opernhaus Deutschlands einen Part im «Rosenkavalier» sang. Das war nicht ganz günstig, wie man im Haus erfuhr.

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Konzerthinweis

Lawrence Brownlee kommt für ein Rezitalkonzert am 19. Juni an die Solothurn Classics.

Als «der erfolgreichste amerikanische Belcanto-Tenor unserer Zeit» wird Brownlee im Programm angekündigt. Längst hat er auf allen grossen Bühnen gespielt, von der Met in New York bis zur Scala in Mailand. Auch am Opernhaus Zürich war er schon zweimal zu Gast. Gefeiert wird er für seine sanfte Stimme, mit der er scheinbar mühelos die anspruchsvollen Koloraturen des Belcanto singt – und selbst den ganz hohen Tönen noch Glanz verleiht.

Mit Gospel-Gefühl in die Klassik

Brownlee: «An eine höhere Macht zu glauben ist wichtig für mich» 

Komische Helme mit Hörnern und andere seltsame Verkleidungen – das war für Lawrence Brownlee lange der Inbegriff der Oper. «Ich hatte keine Ahnung, worum es bei der Oper geht», sagt er heute. Nur zu gerne erzählt er die Anekdote, dass die erste Oper, die er sah, gleich die erste Oper war, in der er selber sang. So sei als Jugendlicher gleich mittendrin gelandet – und habe so erlebt, wie viel Gefühl in der Opernmusik liege. Das Jura-Studium hängte er an den Nagel, mit dem Gedanken, er könne es ja wieder aufnehmen, sollte es mit der Oper doch nichts werden.

Das Gefühl in der Musik, das aber kannte er aus seiner Kindheit bestens: Sein Vater, ein Arbeiter, sang und dirigierte den Kirchenchor. Auch die Mutter sang. Den Kindern blieb also keine andere Wahl, als es ihnen gleichzutun – eine wahre Gospel-Familie. «Für mich hat Singen immer mit viel Gefühl zu tun», sagt Brownlee. Das wolle er sich in der klassischen Musik erhalten, trotz anspruchsvoller Technik. «Ich möchte, dass mein Gesang niemals etwas Mechanisches erhält.» Nach wie vor bedeuten ihm aber auch die «Spirituals» aus der Gospel-Musik sehr viel.

Handwerker im Gesang

«Ich bin stolz auf meine Herkunft» 

Den Weg an die Spitze der Tenor-Liga hat Lawrence Brownlee hinter sich gebracht, ohne sich mit möglichen Hürden aufzuhalten. Die Hürden, das seien seine geringe Körpergrösse und seine Hautfarbe gewesen, wie er unumwunden erzählt. Früh habe er gelernt, ganz auf sein Talent zu setzen – ein einmaliges, wie er selbstbewusst sagt – und das habe alles andere in den Hintergrund gedrängt.

Die Ausweichoption Anwaltskarriere ist Geschichte. Im Anzug gekleidet steht Lawrence Brownlee heute statt im Gerichtssaal an Liederabenden vor Publikum. Und in der Oper bekommt er heute auch die Rollen von ursprünglich als blond beschriebenen Jünglingen, weil seine Stimme eben besser passt als irgend eine andere. Heute ist er Meister seines Fachs. Niemand fragt mehr nach Äusserlichkeiten.

Immer nur Belcanto?

«Ich versuche mich in den Komponisten hineinzuversetzen» 

Seine Stimme hat Lawrence Brownlee direkt in den Belcanto geführt, denn dafür sei sie wie geschaffen. Hier ist sein musikalisches Zuhause. Brownlee singt kaum etwas anderes als Belcanto, am liebsten Rossini oder auch Mozart. Das ist aus seiner Sicht keine Beschränkung – im Gegenteil. «Wenn du ein Talent hast und dieses zudem noch selten zu finden ist, dann ist es eine grosse Befriedigung, darin wirklich gut zu sein», sagt er. Und er möchte noch besser werden. Schliesslich könne man selbst an einem einzigen Stück wachsen, je länger man es singe. Also habe auch der Belcanto noch viel für ihn zu bieten. Daran zu wachsen, darauf freue er sich.

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